Symbiotic Seeing – symbiotic acting

In diesen Tagen, in denen die Zeit sich auszudehnen scheint, in der sich Bewegungen verlangsamen, erlebte ich Momente der Verdichtung und solche der Auflösung. Auf einer langen Zugsreise im vergangenen Sommer habe ich begonnen zu stricken. Ich hatte ein diffuses Bedürfnis, mich mit der nordischen Landschaft, die draussen am Zugfenster vorbeizog, zu verbinden, diese weiten Wälder in meine Erinnerung einzuweben und mit nach Hause zu nehmen. Entstanden ist ein langer Schal in den Farben des nordischen Waldes und eine Leidenschaft für Garne, Gewebe, Texturen, Muster und den Wahrnehmungsraum, den sie mir öffneten. Seither begegnet mir die Welt voller Fäden, Ver- und Entstrickungen in ständiger Bewegung, die neue Gewebe hervorbringt und Festgezurrtes auflöst. Auf einmal fällt mir auf, wie verwoben und vernetzt wir sind, über Pilzfäden in der Erde, über weltumspannende digitale Netzwerke, über Viren, die sich entfesseln.

LichtinstallationOlafur Eliasson, Test für eine neue Lichtinstallation für das Kunsthaus Zürich, 2019 Foto: Alcuin Stevenson / Studio Olafur Eliasson, © 2019 Olafur Eliasson

Symbiotic seeing hiess eine Ausstellung im Kunsthaus Zürich, die ich in allerletzter Minute besuchte, bevor sie wegen Corona geschlossen wird. Olafur Eliasson zeigte darin diese Verwobenheit und wechselseitige Abhängigkeit von Sehen und Gesehen-Werden auf eine vielschichtige Weise. Mit dem Betreten der Ausstellungsräume lösen sich Grenzen auf. Bin ich Besucherin der Ausstellung oder ein Teil davon? Eliasson öffnet Wahrnehmungshorizonte. Aus Raum wird Bewegung und durch die Anwesenheit der Besucher*innen ergeben sich neue Realitäten. Die Installation „Algenfenster“ lädt ein, der Frage nachzuspüren, ob wir als Betrachtende der Alge gleichzeitig auch von ihr betrachtet werden. In Eliasson’s Werk sind wir als Betrachtende auch Betrachtete, als Wahrnehmende auch Wahrgenommene, als Sehende auch Gesehene. Beides auf einmal. Sowohl-als-auch statt entweder-oder. Vernetzt, verstrickt, verwoben – symbiotisch.

Die Ausstellung musste wegen Corona eine Woche früher schliessen. Die Symbiose, die uns mit unserer Um- und Mitwelt verbindet, wird aber gerade in diesen Tagen besonders spürbar. Ein Virus, das sich nicht aufhalten lässt, lässt unseren Atem stocken. Und plötzlich sind wir verbunden, ein grosser Organismus, der in seiner Wandlung nach Gleichgewicht strebt. Ein Gleichgewicht, das sich gerade wegen unserem mangelnden Bewusstsein für symbiotische Wechselwirkungen in ein Ungleichgewicht verwandelt hat?

LichtinstallationOlafur Eliasson, Test für eine neue Lichtinstallation für das Kunsthaus Zürich Foto: María del Pilar García Ayensa / Studio Olafur Eliasson,© 2019 Olafur Eliasson

Unabhängig davon, ob wir mit Olaf Eliasson ein symbiotisches Wahrnehmungsbewusstsein teilen, eine solche Wechselwirkung für möglich halten oder nicht, finden wir uns in einer Dynamik von symbiotic acting. Unsere Handlungen sind voneinander abhängig. In diesen Tagen scheint es unmissverständlich klar, wie fundamental sich mein Verhalten auf meinen Nachbarn auswirkt und seines auf mich. Wir sind Teil des gleichen Systems, des gleichen Organismus – ob wir wollen oder nicht. Unsere Handlungen wirken sich aus. Einem Mantra gleichend erreicht uns der Aufruf der Behörden, uns dieser Verantwortung bewusst zu sein.

Vielleicht stärkt sich in dieser Zeit unser Bewusstsein für das, was Donna Haraway «response-ability» nennt – die Fähigkeit, innerhalb unserer symbiotischen Verwebungen verantwortungsvoll zu (re-)agieren: in Wechselwirkung mit unseren Nachbarn in der Wohnung nebenan und auch mit jenen am anderen Ende der Welt, mit jenen in den Tiefen der Ozeane, jenen in den Höhen der Lüfte und mit jenen in der Erde, auf der wir gehen.

Felsrinnen mit SchneeFoto: Sabina Fischer

In diesen Tagen, in denen sich die Zeit auszudehnen scheint, stricke ich viel. Es ist eine frühlingshafte Berglandschaft, die mich bewegt. Meine Hände verweben ein Muster aus Schnee-, Gras- und Geröllflächen, das sich ständig neu ordnet, einem Versteckspiel zwischen Fels und Nebel, dem nächtlichen Raureif, der tagsüber von den Nadeln der Tannen rinnt. Trotz der physischen Distanz zu meinen Mitmenschen fühle ich gerade in diesen Tagen die Verbundenheit mit meiner Umgebung besonders stark. Ich wirke als Teil eines Organismus, der auf mich wirkt. Wir sind verstrickt, verwoben, in wechselwirkender Verbindung und Auflösung bewegt – symbiotisch eben.

Die Aussstellung symbiotic seeing kann man in diesen Tagen virtuell besuchen unter: https://eliasson.kunsthaus.ch/

Sabina Fischer ist als Forscherin und Prozessbegleiterin fasziniert von den Geschichten, die das Leben spinnt. Sie beschäftigt sich mit Ethiken der Aufmerksamkeit und engagiert sich für vielstimmig-tragende Kooperationen. Infos unter www.sabinafischer.ch

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