Der wahre Duft von Erde.

Franz Schweinberger erzählt vom Boden, von dem, was mit ihm spricht und wie ein Landwirt zum Natur-Dialog kommt.

Es waren immer diese Momente, in denen wir Schutz vor der Mittagshitze im Hintergrundkonzert der Feldlerchen unter dem lichten Schatten dorniger Robinienbäume aufsuchten, wo mir jedes Mal diese Erde auffiel, die so ganz anders war als auf unseren Feldern. Man lehnte sich zurück, grub seine Hände tief in diese immer leicht feuchte, krümelige Erde. In körperlich leicht erschöpftem Zustand innerer Ruhe streifte man die dürren Grashalme und das dürre Laub weg, während man sich über Alltägliches unterhielt. Und spürte und berührte diese wunderbare, vor Lebendigkeit strotzende Erde, die einem unweigerlich ein verstecktes Lächeln bescherte. Und der Duft, der Duft – so ganz anders wie auf unseren Feldern.

Kindheitserinnerungen… Ja, solche Momente gab es viele. Wir hatten ja auch immer so viel Unkraut auf den Feldern. Das lieferte den Grund für allerhand saisonaler Spitzen unguter Familienstreitereien. Speziell dann, wenn wieder mal ein fortschrittlicher Landwirt höhnisch lachend, sich ergötzend an der eigenen Überlegenheit, am Feldweg vorbeifuhr. Mein Vater war eben noch vom alten Schlag, der die Segnungen der chemischen Industrie einfach nicht exakt anzuwenden wusste. Er machte alles „nach Gefühl“, und das war einfach nicht anwendbar auf synthetische Pestizide.

Lebendverbaute Erde aus einem Robinien-Windschutzstreifen

So wie ein Kind nur einmal im Leben auf eine heiße Herdplatte greift, war für mich somit klar – dieses „nach Gefühl“ muss weg. So machte ich meine landwirtschaftliche Ausbildung, in der zur damaligen Zeit von einer älteren Lehrerschaft beispielsweise gelehrt wurde: „Die Erde ist nur da, damit die Pflanzen nicht umfallen, Bodenleben besteht hauptsächlich aus pflanzenpathogenen Pilzen, Viren und Bakterien, die man aber gut bekämpfen kann. Ohne Kunstdünger verhungert die Menschheit. In der Landwirtschaft darf man den eigenen Stundenlohn nicht rechnen.“ Und der wichtigste Spruch der industriellen Landwirtschaft: „Wachsen oder weichen!“

Nun ja, ich habe alles richtig gemacht, ich war nun unkrautfrei, die chemische Industrie schickte mir zu Weihnachten schöne Kugelschreiber, der steigenden Bodenverdichtung konnte man dank der Technik mit noch größeren Maschinen begegnen, trotz immer mehr Kunstdünger stagnierten die Erträge. Ich musste mir einen Job suchen, um Geld zu verdienen. Mein Vater war krebskrank. Meinen Betrieb konnte ich nicht ausreichend vergrössern, um im Wettbewerb mitzuhalten. Ich war nun ein richtiger Versager! Die Erde meiner Felder trug nun Duftmarke Gesaprim, Dicopur, uvm…. Grausig! Selbst am eigenen Leib war der Geruch selbst nach mehrmaligen Duschen immer noch da.

Ein „Gefühl“ meldete sich.

Ich war dann – aus welchem Grund auch immer – irgendwann tatsächlich in einem echten Wald. Zum ersten Mal in meinen Leben stellte ich mir die Frage, warum diese riesigen, wüchsigen Bäume ohne Kunstdünger wachsen. Da stimmt doch was nicht!
Vielleicht hat man in meiner Ackerbaugegend deshalb alle Bäume abgeholzt. Die störten. Stattdessen hat man überall Robinien ausgepflanzt. Die bilden nämlich eine Symbiose mit den sogenannten Knöllchenbakterien im Boden und können Dünger aus der Luft binden. Wissenschaftlich erklärbar – störten weniger.

Ich begann zu lesen, zu lesen und zu lesen – alles über Biolandbau. Ich habe auch alles gut verstanden, kapiert habe ich nichts. Irgendwann merkte ich, dass ich alles, was mein Weltbild vielleicht ins Wackeln bringen könnte, ausgeblendet hatte und erst Jahre später wirklich kapierte. Ich konnte es nicht sehen, nicht spüren, nicht wahrnehmen. Diese alten Dogmen, Muster, die selbstverständlichen Selbstverständlichkeiten sind wie Superkleber.

Die Umstellung funktionierte dann auf Anhieb – wie froh war ich, da waren so viele unbegründete Ängste. Und – mein Gott – plötzlich so viele Regenwürmer auf meinen Feldern! So schöne Erde, und sie fing wieder an zu duften. Wie ich mich freute! Das blieb allerdings nicht sehr lange so…

Klimawandel. Regenwürmer verhungern im Boden, wenn es über Monate keinen Niederschlag gibt. Die trauen sich nicht mehr zur Futtersuche an die Oberfläche. Da gab es auch nichts zu holen. Das dürre, kümmerliche Getreide – ja, sogar das Unkraut – hatte keine Chance.

Das einzige Wasser, das diese Pflanzen je gesehen haben, waren meine Tränen der Ohnmacht, die auf dem glühend heißen Lössboden auch gleich wieder verdampften.

Ein Jahr später das gleiche Drama. Sogar die super-trockenheitsresistenten Robinien verloren in diesem Sommer die Blätter. Bio-Ware wurde inzwischen zum Diskontprodukt, viele konventionelle Großbetriebe haben aus förderungstechnischen Gründen auf Bio umgestellt. Geschäftsmodell konventionell funktioniert im Klimawandel sowieso nicht mehr. Man füttert schon mehr Datenbanken als Tiere, verbringt schon mehr Zeit vorm Laptop als am Feld – einfach um sich selbst dokumenten- und datentechnisch transparent und kontrollierbar zu machen und satellitenüberwacht wird man auch noch.

Ich hatte immer noch meinen Job, der mich auf ein 3-Tages Seminar nach Salzburg führte. 2 Tage Dauerregen – es war so ganz anders hier wie zuhause – der Kalahari. Am zeitigen Morgen machte ich ein Spaziergang am Ufer des Wolfgangsees. Tiefen Trost spendete dieses Wasser. Der Wald in seiner ganzen Vielfalt daneben, die mit Moos, Fichtennadeln und Laub beschützte – ja behütete – Erde, vollgesogen von den Unmengen an Regenwasser. Dieser wunderbar frische Duft dieser Erde – so ganz anders als auf meinen Feldern.

Lehrgang Systemische Naturtherapie

Ein Gefühl meldete sich wieder.

Ich habe alles besser gemacht und bin schon wieder dort wo ich schon war. Ich mache auch nichts so aufregend anders als vorher: Monokulturen, schwere Maschinen, Bodenverdichtung, Erosion, Spielball von Händlerpreisen und Förderungen – nur eben bio-zertifiziert. Ich fühlte mich wieder wie ein Versager.

Lebendverbaute Erde duftet und spendet diese unmittelbar spürbare Freude. Warum tun diese Systeme das nicht, die wir mit soviel Aufwand und Energie aufrecht erhalten und mehr fordern als fördern? Sie stinken mich schön langsam an!

Permakultur, Naturtherapie traten in mein Leben und der Traum eines lebendverbauten Seins mit dieser Erde und all seiner Wesen, der menschlichen und der mehr-als-menschlichen Welt ruft, drückt, plagt, fasziniert, beschäftigt, beflügelt, zieht und bewegt mich seither.

Wenn sich nun Menschen aus so vielen verschiedenen Richtungen und vielfältigen Erfahrungen um dieses Thema Natur-Dialog „verbandeln“, dann kommt das Gefühl auf, dass da vielleicht gerade eine neue Erde wächst. Wer weiss – eine in der man in Verbundenheit wachsen kann?

PS: Dieser Text – dieser Film meines Lebens – ist abgelaufen bzw. entstanden, als mir Hans-Peter Hufenus diese Zeilen zukommen liess (Danke Cito!):

… Hab grad diesen Satz in Donna Haraways Buch „Unruhig Bleiben“ gelesen, der dir gefallen könnte: „Das Humane als Humus hat Potential, wenn es gelingt, das Humane als Homo zu zerhacken und zu zerschreddern, dieses stagnierende Projekt eines sich selbt erzeugenden und den Planeten zerstörenden Unternehmens“

Franz Schweinberger ist Landwirt, Bio-Kontrolleur, Naturtherapeut und schreibt im Blog Humus&Co

Fotos: Franz Schweinberger, Cito Hufenus

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