Morgenspaziergang

Ungerührt sind sie
Die vielen Spiegelbäume
Vom klugen Gespräch

Sie stehen ja Kopf
Sind dabei ganz verschwommen
Die Bäume im See

“Liebe Sinha, liebe Sabina”, schreibt Beate: “Ich höre gerade dieses Gespräch des Nabu mit Gerald Hüther: “Moment der Berührung ermöglichen”. Das schliesst an den Artikel von Siegi an 😉 wäre ein toller Promotionbeitrag zu nature&healing 🙂 und ist NaturDialogisch interessant.” So – oder so ähnlich beginnt oftmals ein Austausch im Redaktionskreis dieses Magazins. Maria hat sich verwickeln lassen und ist einigen Spuren gefolgt:

Im Wald ist es still. Zumindest auf der schattigen Seite. Dort wo die Sonnenstrahlen hinfallen, zwitschern schon munter die Vögel. Kurz stelle ich mir vor, wie ein Buchfink seinen Bauch in die Sonne reckt und nach der kalten Nacht die Wärme begrüßt. Ein kleiner Glücksmoment. Für den Vogel, meine ich. Und für mich, jetzt gerade.

Mit einem wohligen Gefühl in meinem eigenen Bauch spaziere ich auf der Sonnenseite weiter. “Ich gehe mal den Kopf auslüften”, hab ich beim Weggehen gesagt. Es scheint zu funktionieren. Zuhause auf meinem Schreibtisch liegen einige Notizblätter. Ich habe Stichworte notiert aus einem Gespräch der NABU[1] -Referentin Magdalene Trapp mit dem bekannten Hirnforscher Gerald Hüther. Jetzt liegen da durcheinander Antworten und Fragen.

Den YouTube-Link zu dem Gespräch[2] hatte mir Sinha geschickt. Er ist im Redaktionskreis der Natur-Dialog-Bewegung kursiert unter der Überschrift “naturdialogisch interessant”. So ist die Idee entstanden, den link im Magazin zur Verfügung zu stellen. In welcher Form er da eingespielt werden soll, ist offengeblieben. Mit dieser Frage gehe ich jetzt – ganz buchstäblich. Ja, es ist interessant zu hören, wie Hüther Einsichten aus seiner Forschung hin zu Fragen über Natur- und Umweltschutz ausdehnt. Und es ist interessant mitzuverfolgen, wie seine Überlegungen zu etwas führen, das wir in der naturdialogischen Arbeit gut kennen: zu Erfahrungen in der Natur, die uns wieder in Kontakt bringen mit der eigenen Lebendigkeit und Momenten der Berührung.

Es sind drängende Fragen, welche die NABU-Vertreterin dem Hirnforscher stellt. Was können wir tun, um in der aktuellen ökologischen Krise noch “das Ruder herumzureißen”? Hüther
erklärt, dass Menschen, die ein Problem mit sich selbst haben, der Blick dafür fehlt, wie ihre Umwelt kaputt geht. Deshalb kümmern sie sich auch nicht. Das Problem, das Hüther beschreibt, hat mit nicht gestillten Grundbedürfnissen nach Verbundenheit sowie nach Autonomie und Gestaltungsmöglichkeiten zu tun. Dann werden, hirnphysiologisch betrachtet, hemmende Verschaltungen über die Bereiche gebaut, in denen so ein Bedürfnis raus will. Wenn das erfolgreich passiert ist, spürt man da nichts mehr. Und es scheint schwierig zu sein, diese Grundbedürfnisse in unserer Gesellschaft zu stillen, weil wir von klein auf lernen, Denken, Fühlen und Handeln voneinander zu trennen. Irgendwie kommen wir dann weder mit dem Einen noch mit dem Anderen zurecht. Dass wir unter diesen Umständen auch die Beziehung zu uns selbst verlieren und uns schwer damit tun, uns selbst zu mögen, klingt schlüssig – und bedenklich.

Morgenspaziergang im Wienerwald (Foto: Maria Raab)

Bevor sich in meinem Hirn Knoten bilden, bei dem Versuch, die in dem Gespräch ja nur angerissenen, neurophysiologischen Erläuterungen nachzuvollziehen, biege ich vom Weg ab und gehe ein Stück querwaldein. Unter meinen Füßen raschelt das Laub, zwischen den Bäumen schimmert das Sonnenlicht und über meinem Kopf geht das Vogelgezwitscher weiter. Ich bin mitten unter Verwandten! Nur ihre Sprache hab ich kaum gelernt. Und meine Sprache erinnert nicht mehr an unsere Verwandtschaft. Anders als in vielen indigenen Sprachen, wo schon die Grammatik die Beziehungen zwischen allem Belebten betont. Dabei werden nicht nur Menschen, Tiere und Pflanzen als belebt und beseelt angesprochen, sondern genauso Steine, Berge, die Elemente und Geschichten und Lieder und vieles mehr. Das habe ich von Robin Wall Kimmerer[3] gelernt. Ich war begeistert und tief bewegt von ihren Schilderungen zur Sprache ihrer Vorfahren, der Potawatomi[4]. Sie lässt ahnen, was es mit uns Sprechenden macht, wenn wir uns an die belebte Welt mit den gleichen Worten richten, wie an unsere Familie. “Wouldn’t things be different if nothing was an it?”[5] Diesen Satz habe ich dick unterstrichen in Wall Kimmerers Buch. Vielleicht bräuchten wir dann weniger hemmende Verschaltungen in unseren Gehirnen und hätten keine Probleme mit dem Grundbedürfnis nach Verbundenheit.

Nun finden wir uns aber mit diesen Nervensystemen in einer gesellschaftlichen Situation wieder, in der die nicht-menschliche Welt drastisch verdinglicht worden ist. Wir haben sie so verfügbar gemacht, dass wir sie gut nutzen, aber nicht mehr lieben können.

Ich stoße wieder auf einen Weg, der zurück nach Hause führt. Meine Gedanken wandern zu einem Vortrag von David Abram[6] , in dem er unsere ökologische Krise als “perceptual crisis” betrachtet. Damit schließt sich auch langsam der Gedankenkreis zu dem Gespräch von Trapp und Hüther. Ich erinnere mich, wie Abram mit ausdrucksvollen Worten und gewandter Körpersprache, quasi multisensorisch, darstellt, dass sich unsere Nervensysteme und Wahrnehmungsorgane in Wechselwirkung mit dem ganzen Gewebe an Lebendigem um uns herum entwickelt haben. Abram spricht von “co-evolved”. Ein schönes Wort, das sich weich und rund anfühlt und in der Bedeutung an “sympoietisch”[7] erinnert. Nun finden wir uns aber mit diesen Nervensystemen in einer gesellschaftlichen Situation wieder, in der die nicht-menschliche Welt drastisch verdinglicht worden ist. Was in der Außenwelt übrig bleibt, ist weitgehend quantifizierbar, messbar, unbeseelt, ohne Eigenlebendigkeit. Wie sollen wir hier die reichhaltige, vielschichtige Kommunikation pflegen, für die unser kontaktfreudiges Sensorium offensichtlich angelegt ist? Wir haben ganz grundlegend die Beziehung zu unserer Mitwelt verloren. Wir haben sie so verfügbar gemacht, dass wir sie gut nutzen, aber nicht mehr lieben können.

“Man kann nur das lieben, was man nicht nutzen will”, sagt Hüther gleich zu Beginn des Gesprächs mit Trapp. Er stellt damit in Frage, was wir meinen, wenn wir leichthin sagen, wir lieben die Natur. Es ist ein großes Wort “Liebe”.

Ich verabschiede mich vom Wald und von den Vögeln und gehe zurück an meinen Schreibtisch. Was Hüther weiter ausführt, habe ich notiert: “man müsste die Erfahrung machen, dass sich in der Natur etwas offenbart, was man gar nicht mehr geahnt hat, dass es das gibt – Lebendigkeit, Buntheit, Vielfalt”. In diesem Sinne argumentiert Hüther dann auch dafür, dass es in der Naturschutzarbeit nicht so sehr auf Informationstransfer, Warnungen und Belehrungen ankommt, sondern darauf, Verbundenheit wieder zu finden und Erfahrungen zu vermitteln, bei denen etwas “unter die Haut” geht. Menschen brauchen Räume, wo sie etwas erleben können, die Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft spüren und ihre Fähigkeiten und Talente entfalten können.

Oben auf meinen Notizblättern klebt ein gelbes Post-It mit einer Frage. Trapp und Hüther führen ihr Gespräch draußen, an ein aus handlichen Stämmen gezimmertes Geländer gelehnt. Dahinter liegt still, in herbstlicher Stimmung ein See. Auf dem Post-It steht: “Was erzählt der See?” Aber das ist eine andere Geschichte.

zum Gedanken, Gesprächen und Spuren folgen…

Maria Raab ist Psychotherapeutin, Klinische- und Gesundheitspsychologin mit Weiterbildung in Systemischer Naturtherapie. Sie ist in einem Kinderschutzzentrum und in freier Praxis in Wien und Niederösterreich tätig. www.am-weg.at

Fotos: Maria Raab

CC BY ND Verwendung zu nicht-kommerziellen Zwecken erlaubt, solange dies ohne Veränderungen und vollständig geschieht und der Urheber genannt wird.

2 Kommentare

  1. Liebe Maria,
    wie schön, mit dir ein wenig durch den Morgenwald zu spazieren!
    Es hat mich an ein Zitat von Kurt Tucholsky (1929!!) alias Peter Panter aus der “Weltbühne” erinnert. Das wäre ja gleich noch einen ganzen Beitrag wert…
    aber hier jetzt mal das Textstück, herzlich Habiba

    Mir fehlt ein Wort
    Ich werde ins Grab sinken, ohne zu wissen, was die Birkenblätter tun. Ich weiß es, aber ich kann es nicht sagen. Der Wind weht durch die jungen Birken; ihre Blätter zittern so schnell, hin und her, daß sie . . . was? Flirren? Nein, auf ihnen flirrt das Licht; man kann vielleicht allenfalls sagen: die Blätter flimmern . . . aber es ist nicht das. Es ist eine nervöse Bewegung, aber was ist es? Wie sagt man das? Was man nicht sagen kann, bleibt unerlöst – ›besprechen‹ hat eine tiefe Bedeutung. Steht bei Goethe ›Blattgeriesel‹? Ich mag nicht aufstehen, es ist so weit bis zu diesen Bänden, vier Meter und hundert Jahre. Was tun die Birkenblätter –?

    • Liebe Habiba!

      Zwischen den Synapsen in meinem Kopf flirrt und flimmert es voll Empathie mit Tucholsky, wenn ich diese Zeilen lese! Danke für dieses inspirierende Textstück aus deinem Erinnerungsschatz.

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