Der Natur-Dialog Ansatz

Der Natur-Dialog Ansatz formuliert Leitgedanken für die Bewegung und den Verband Natur-Dialog.
Er ist ein systemisches, auf bio-kulturellen Grundlagen basierendes Impulskonzept für Bildung, Beratung und psychotherapeutische Begleitung im Hier und Heute.
Als creativ common versteht er sich auch als Beitrag zum miteinander Denken und Handeln im Raum von Mensch und Natur, als Mitgestalter der Transition seiner sozialen und wirtschaftlichen Wirklichkeiten.

Zeiten des Wandels

Viele Menschen nehmen in unserer aktuellen Welt Folgendes wahr:
Die Erde und ihre Atmosphäre ist einer übermässigen Ressourcen-Extraktion ausgesetzt. die mit einer ansteigenden Erhitzung des Klimas und seinen weitreichenden geopolitischen Folgen, mit einem massiven biologischen und kulturellen Artensterben und einem fortschreitenden sozialen Ungleichgewicht weltweit in Zusammenhang stehen.
Selbst wohlhabende demokratisch organisierte Gesellschaften haben mit einem massiven Anstieg an psychischen Erkrankungen, Angst gesteuertem Handeln und Polarisierungen zu leiden. Die Finanzierung von Gesundheit und Altersvorsorge sind politisches  Dauerthema.

Viele Menschen, Bewegungen und Gemeinschaften arbeiten an und investieren in die Entwicklung von neuen Lebens- und Witschaftsformen. Im Fokus stehen neben anderem dabei:

  • Erd- und Humusbildung
  • Förderung von Diversität
  • Entwicklung von zirkulären Wirtschafts- und Energiekreisläufen
  • Gleichstellung von Männern und Frauen
  • Anerkennung von kulturellen Unterschieden
  • Förderung von Verständnis von egalitären, kooperativen sozialen Wirklichkeiten
  • Anerkennen der Gleichwertigkeit der menschlichen und anders-als-menschlichen Welt

Begreifen und Handeln

Inmitten dieser aktuellen Weltensituation will der Natur-Dialog Ansatz konkrete Erfahrungs- und Praxisräume sowie handlungsleitende Prinzipien bieten. Natur-dialogische Prozesse erweitern unsere Selbst- und Weltwahrnehmung rund um Erdverbundenheit, Vielfalt, Gegenwärtigkeit, Gemeinsinn, Wechselseitigkeit und Zugehörigkeit. So tragen sie zum Gelingen von Zusammenleben in Pluralität bei: zum Zusammenleben mit sich selbst; mit anderen Menschen, sei es im privaten oder öffentlichen Raum und zum Zusammenleben nicht nur mit der menschengemachten Welt sondern besonders mit der Welt der gegebenen Natur.

Natur-Dialoge schulen Bewusstsein, Denken und Urteilskraft und ermöglichen heilsame Prozesse und Handlungsimpulse.

Der natur-dialogische Ansatz ist eine didaktische Grundlage für Konzepte in der Erwachsenenbildung sowie sozialer und schulischer Pädagogik. Er kommt in der psychologischen Beratung von Einzelpersonen und Lebensgemeinschaften sowie in Team-, Gemeinwesen- und Organisationsentwicklung zum Einsatz. Er versteht sich als Teil jener vielfältigen Strömungen unserer Zeit, die Kooperation und Verbundenheit als Lebensprinzip und auch als menschliche Grundfähigkeiten erkennen und der Natur-Beziehung des Menschen darin einen wichtigen Stellenwert zuschreiben.

Jedoch: Der natur-dialogische Ansatz sieht die Welt der gegebenen Natur nicht als billiges Sanatorium für Zivilisationskrankheiten, noch kann und will es über Naturaufenthalte Anpassungsleistungen an dysfunktionale soziale Systeme steigern oder wieder herstellen. Wohl aber setzt sie auf die heilsame Wirkung und Notwendigkeit einer lebendigen Begegnung von Mensch und Natur und will aktiv zu Entwicklung von ihr angemessenen Arbeits- und Lebensformen beitragen.

Natur-dialogische Felder

Erdverbundenheit

Konkrete Aufenthalte in weitestgehend zivilisationsfreien Naturräumen, bei denen einfaches, erdnahes Leben und alte naturbezogene Kulturtechniken erlebt und gelebt werden, aktivieren wesentliche Ressourcen von Wahrnehmung, Handfertigkeit und Beweglichkeit. Gemeinsames Kochen am offenen Feuer, Einrichten von sicheren und ästhetischen Übernachtungsplätzen und eine Dialog-Kultur in Kreisen rund ums Feuer ruft, was vielen Menschen heute entrückt ist: Die Erfahrung, dass die Erde Heimat und Lebensgrundlage ist und unsere Beziehung zu ihr Grundbedingung für gutes Leben.

Zirkularität

Menschliches Leben erfährt, erzählt, erinnert und gestaltet sich besonders über Sprache und Geschichten. Hinter den uns durch die Schriftkultur vertrauten Mythen, Märchen und Geschichten, verbirgt sich ein Erinnerungsschatz jener langen Zeit, in der Verbundenheit, Vertrauen, nährendes Miteinander Dreh- und Angelpunkte dieser Welt waren. Der Kontakt mit diesen Schichten, die wir im natur-dialogischen Ansatz den «heilen Raum der Menschgeschichte» nennen, lässt uns wesentliche Unterschiede zu heutigen Lebensstrukturen erkennen, lenkt uns ermutigend auf neue Spuren des Denken und Handelns und hilft unserer Vorstellungskraft, lebenswerte Bilder für die Zukunft zu entwerfen. Es ist angewandtes zirkuläres Wahrnehmen und Erinnern.

Resonanzkultur

Im natur-dialogischen Prozess sind die Leitfragen: „Was bewegt uns und wie können wir gelingende Beziehungen gestalten?“.  Die dialogische Praxis der Verbundenheit, die hier gemeint ist, lenkt die Wahrnehmung auf Ereignisse, Erscheinungen und Atmosphären zwischen uns und unserer menschlichen und „mehr-als-menschlichen“ Lebensumwelt.

Körperliche Resonanzen, Gefühle und Ahnungen, Einfälle und spontane Erkenntnisse, die sich aus Situationen und ihren Zeichen erschliessen, machen die Kunst der Wahrnehmung aus, die im natur-dialogischen Ansatz geübt wird. Sie fördert die „alte Kunst“ phänomenologischer Wahrnehmung und Lebensführung. Das Leben in den vielfältigen Erscheinungen lesen, sich mitgemeint und verwoben zu erleben und darin seine Wege zu finden.

Prinzipien natur-dialogischer Praxis

Vertrautheit bilden

Das wieder oder vertieft Vertraut-Werden mit dem Lebendigen, dem Vitalen, das der Erde, ihren Elementen, Organismen, Lebewesen und uns Menschen selbst innewohnt, ist ein zentrales Moment des natur-dialogischen Ansatzes. Er konzentriert sich auf das Diesseitige, Gegenwärtige und auf das ihm eingebettete Zauberhafte, das erscheinen will. Unverfügbarkeit und höchst begrenzte Steuerbarkeit zeichnen das Lebendige, das Beseelte aus. Mit all dem gilt es in Kontakt zu bleiben.

Schönheit wahrnehmen

Das, was Menschen für schön halten, mag von vielem geprägt sein: der gegenwärtigen Kultur, der Sozialisation, der konkreten Biografie und mehr. Doch lebt in uns auch ein gemeinsamer Sinn für Ästhetik und Gleichgewicht, der im Kontakt mit der «freien, gegebenen» Natur besonders sichtbar wird. Die ästhetische Wirkung natürlicher Räume, die erfahrungsgemäss fast alle Menschen erreicht, aktiviert einen menschlichen Sinn für Schönheit und lässt ihn zur wesentlichen Navigationshilfe dafür werden, wie, wo, mit wem, mit welchem Material, in welchem Mass und in welcher Zeit wir uns in der Welt bewegen. All das sind Orientierungen, die uns im Gefüge unserer technisch und digital bestimmten Dicht-Welt abhanden kommen. Diesen ästhetischen Gemeinsinn als wesentliche Ressource im Beratungsprozess anzuerkennen und einzubringen, ist immanente Absicht des natur-dialogischen Verfahrens.

Kooperation erfahren

Natur-Dialogische Verfahren orientieren sich an der Pluralität der Welt und daran, dass diese Vielfalt in wechselseitiger Beziehung zueinandersteht und in ständigem Austausch gutes Leben schafft. Die Fähigkeit zur einer Raum- und Menschbeziehung, die sowohl das unverfügbare Eigenleben in uns und dem anderen als auch die kooperierenden Kräfte dazwischen wahrnimmt, ist Grundlage für Selbst- und Weltvertrauen. Um die Förderung solcher Erfahrungsräume geht es.

Lebendigkeit annehmen

Natur-dialogische Begleitung fördert phänomenologische Wahrnehmung und Erfahrung. Darin sind Anliegen, Wünsche und Hoffnungen zwar Ausgangspunkte, der Zugang zu ihnen ähnelt jedoch mehr einem offenen, neugierigen Erforschen als einem geraden Zusteuern auf ein Ziel. In diesem Er-Forschen taucht auf, was sich zeigen will und gesehen werden kann.
Der Umgang mit dem unvorhersehbar Prozesshaften des Lebens und darin das freundliche Gewahrwerden von Ressourcen aber auch von destruktiven Prägungen sowie die Rückverbindung mit dem „Heilen Raum“ sind wesentliche Elemente auf dem natur-dialogischen Weg.