In winterweisser Stille #2
Zur rechten Zeit um den Winter zu verabschieden, kommen hier noch zwei Gedichte von Giannina Wedde.
Giannina Wedde spricht eine Sprache, die uns mit dem Naturraum verbindet, in der Tiefe berührt und anregt. Ihre Worte zum Winter gleichen einer Gehmeditation die zu mehr Lebenstiefe, Herzensruhe einlädt.
Herzlich, Zoë
Am richtigen Ort
Der fallende Schnee
Hat alle Klänge mitgenommen
Und sie in weiter Ferne
An einen geduldigen Horizont gelegt.
Die Wolken haben sich über mir
Zu einem dichten Grau verbunden,
wie eine schwere Decke, unter der alle
müde gewordenen Gedanken
sich selbst vergessen dürfen.
Auch die Vögel in den Zweigen
Tauschen ihr Lied gegen lautlose Andacht.
Der fallende Schnee
Hat alle Klänge mitgenommen.
Auch aus mir.
Den leisen Nachhall der gestrigen Begegnung,
das wehmütige Seufzen einer Erinnerung,
die eilige Sorge, die die Zeit überholt,
um furchtsam ins Morgen zu blicken.
Nur Stille schliesst sich in mir wie der graue Himmel,
arglos und sanft.
Alles ist am richtigen Ort,
alles verschmilzt ganz mit sich selbst
für einen Augenblick reinster Vollkommenheit.
Abschiedlich leben
Der Herbst ist fortgegangen.
Nur eine Handvoll gelber Blätter liess er zurück
Und seine letzten grossen Stürme,
in die sich schon der Duft des Winters mischt.
Nun steht ein ernstes Dunkel aus den Dingen auf.
Wie eine Frage, ein Beschwören,
mit einer Stimme, die auch meine ist:
Hast du die Farben aufgesammelt?
Mit einer Hand die Früchte und die Innigkeiten,
die Heiterkeit des Augenblicks,
nur um sie mit der anderen Hand zu lassen,
sie in die Welt zurückzuschenken
wie Sand ins Stundenglas der Zeit?
Hast du gelernt zu leben, wie die Erde lebt?
Abschiedlich, doch ohne Trauer,
flüchtig doch ohne Eile,
werdend, doch schon vollkommen?
Ich lerne es.
Und immer kleiner wird die Furcht
Und immer grösser mein Erstaunen.
In jedem Winter wächst ein stilles Glück
wie ein Begreifen, wie die Erinnerung daran,
dass auch die Blüte meines Lebens
tief im Abschied wurzelt.

Autorin Zoë Kuhn ist Mitwirkende im Naturdialognetzwerk: “ich liebe das handwerkliche Tätigsein, begleite gerne Menschen auf ihrem Weg.
Die lebendige Stille im Naturraum nährt und stärkt mich immer wieder.”
Fotos: Zoë Kuhn, pixabay

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