Der Herbst und seine vielen Fragen

Von Nebel, Feuer und Brücken

Verschlafen trete ich vors Haus. Mein Blick verfängt sich in den morgendlichen Nebelfeldern über den Waldhängen. Wie in Watte, taucht mein Seelenauge in dieses Gegenüber ein, in diesen Moment des Sich Berühren Lassens. Ich kann nicht umhin, dem Ruf des Herbstes zu lauschen und zu staunen. Vielleicht fehlte er mir, oder es ist einfach gut, seine Rückkehr zu spüren.

Herbst, alter Freund. Bist du uns nicht eine Brücke? Liebevoll und in weichen, güldenen Farben schwebend, will er uns in die andere Welt locken. In den hohen Norden, das weiße Licht, die Leere, in dem alles der universellen Verwandlung unterliegt. Der Herbst ist der Botschafter des Winters. Und er schenkt uns elementare Fragen, wenn wir bereit sind, seinen Melodien zu lauschen.

 

Wo bist du, in dir und in dieser Welt, wenn der Herbst sein Lied der Vergänglichkeit singt?

Tief von dieser Begegnung berührt und mit ein paar großen Fragezeichen über meiner Stirn, ziehe ich mir die Kapuze über den Kopf, schlürfe wieder zurück ins Haus und mache mir eine Tasse heißen Tee. Und doch, nach wenigen Minuten, finde ich mich am Fenster wieder, die dampfende Tasse umklammernd, und lasse mich nochmals ganz auf dieses Bild ein, verzaubert und überrascht zugleich.

Ich wusste, dass er kommen würde. Und doch sagt heute, wo er da ist, ein Teil in mir: „Was, Herbst du bist schon da? Ich wollte doch eigentlich noch…
Nun gut. Lass uns reden.“

 

Was möchtest du vom Kostbarsten deiner Ernte mit anderen teilen?

Die Hagebutten sind gesammelt, ein paar Wacholderbeeren sind auch dabei und schauen mich abwartend aus der kleinen Schüssel am Küchentisch an. Ein paar Eicheln warten hoffentlich noch im Wald auf mich. Ich spüre instinktiv den kontrollierenden Blick in mir, ob ich denn auch alles habe, was ich im Winter brauchen werde. Warm möchte ich es haben, „accogliente“ wie es im Italienischen so treffend heißt. Eifrig krame ich in allen Ecken meiner Selbst alle guten Gedanken, wunderschönen Erinnerungen, fruchtbaren Kontakte und wegweisende Erkenntnisse hervor und schnüre sie zu einem Bündel zusammen. Mal sehen, wann ich im Winter davon zehren werde und ob es reichen wird.

Nachdem ich mir die Schuhe angelegt habe, gehe ich nach draußen, um noch ein paar Scheite Holz für den Winter zu hacken. „Ist der Oktober warm und fein, kommt ein harter Winter rein”, so sagt es eine alte Bauernregel.

 

 

Welchem Schmerz begegnest du im Loslassen der Energie des Sommers?

Der Nebel hüllt alles Lebendige in sich ein, als wüsste er, dass es Zeit ist, vom Höhenflug des Sommers in die Erde zurückzukehren. Samen, Blätter, Hölzer und Getier – „Eure Zeit ist gekommen“, höre ich ihn rufen im Gesang der kühlen Winde, die sich in den Baumwipfeln fangen. Alles Lebendige und Gestorbene lädt er dazu ein, sich dem Zyklus der Zeit vertrauensvoll hinzugeben.
Ich schlichte die letzten Holzscheite aufeinander, streife mir die Handschuhe ab und gehe wieder an den Punkt, von dem aus ich heute Morgen diesem Spektakel zugesehen habe. Doch diesmal fällt mein Blick auf anderes Szenario: Eine durch und durch weiße Wand erstreckt sich vor mir. Dreist und behütend zugleich, hat sich der Nebel zwischen mir und dem Wald gestellt. Alle Bezugspunkte in diesem Bild verschwinden. Gedämpft höre ich die Glocken der Weidenkühe von nebenan, als wollten sie mir sagen: „Noch ist es nicht dunkel, erfreu dich an dem sich verändernden Licht. Nimm es in dich auf und tanze damit!“

 

Welche Samen möchtest du in die Erde geben, sie behüten und pflegen?

Da schau mal einer an. So ist er also, der Herbst. Diesmal kommt er schon wuchtig daher, von einen Tag auf den andern, so ganz in weiß, feucht und klamm. Neben dieser kleinen Empörung in mir, schmiegt sich jedoch, ganz leise und unmerklich, ein neuer Gast dazu: die Heimeligkeit. Sie erzählt von der Schönheit der Stille, dem Glanz der Flamme im Dunkeln, der Liebe, die allen Schmerz bewohnt. Und sie flüstert mir zu, dass es eigentlich nur um das Vertrauen in den Zyklus geht. Ohne Dunkel, kein Licht. Ohne Tod, keine Neugeburt. Ohne Leere, keine Fülle.

Gemeinsam mit meinem neuen Gast, dem Gefühl der Heimeligkeit, entzünde ich ein Feuer vor meinem Haus und wärme mich daran. Die Flammen züngeln wild durcheinander und streben in den Himmel. Sie wissen nichts vom Herbst. Für sie ist es immer Zeit für den Wandel, die ewige Transformation. Und genau mit dieser Gewissheit, dass meine Seele immer Teil einer universellen Transformationsspirale ist, begegne ich diesem Moment. Alles ist in Bewegung. In mir und um mich herum.

 

 

Ich versinke noch eine Weile im Anblick des Feuers.
Okay. Ich glaube, ich habe heute meinen ersten Schritt auf die Brücke gen Norden getan.
Zum Glück liegen noch ein paar Wochen vor mir, um weiter auf dieser Brücke zu gehen und langsam selbst Herbst zu werden, bevor der Winter an meiner Haustür klopft.

 

Wo in dir speicherst du Wärme, wenn du dich auf den Winter vorbereitest?

 

zum Video: Autumn and all his questions

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Autorin: Lauretta Rudat

ist gebürtige Bayerin, lebt und arbeitet in Norditalien (Trentino / Südtirol). Sie wirkt als Systemische Natur- und Erlebnistherapeutin, Wildnispädagogin und Diplom-Sozialpädagogin im Einzel- und Gruppensetting mit Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen.

Fotos, Video: Lauretta Rudat, www.laurettarudat.com 

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