Am Rande der Gletscher
Tropfen um Tropfen
Die Gletscher haben mich gerufen.
Weil es heiss ist in diesem Sommer.
Ich will schauen wie es ihnen geht und vielleicht auch wie es mir, mit ihnen geht.
Auf dem Weg ins Maderanertal, habe ich mich entschieden, über den Sustenpass zu fahren. Mittlerweile ist es Abend und ich sitze oberhalb des Passes auf meiner bereits aufgeblasenen Schlafmatte. Vor lauter «Schöni» weiss ich gar nicht, wo ich hinschauen soll. Im Westen in Richtung Bern geht die Sonne unter und wirft ihre letzten Strahlen auf die Gletscher. Vor mir der Berner Steingletscher, hinter mir der Urner Tschingelfirn.
Seit vielen Jahren pendle ich auf dem Weg in den Kanton Uri über den Sustenpass. Irgendwann habe ich angefangen einen Stopp einzulegen. Kurz unterhalb der Passhöhe parkiere ich dann mein Auto und schaue rüber zum Steingletscher. Ich mache dann jeweils ein Photo und erinnere mich an den Tag, als wir im Rahmen der militärischen Gebirgsausbildung, westlich vom Gletschertor, mit unseren Steigeisen den Gletscher betraten. 33 Jahre und rund 1200 Meter sind seitdem vergangen. Notabene bedeutet im Urner Dialekt vergehen auch schmelzen.
In die Nacht einsinken
Heute will ich bei den Gletschern übernachten und mir Zeit nehmen den gemischten Gefühlen nachzugehen. Der rosa Lichtstreifen an den Firnflanken und Berggipfeln wird schmäler. Der eine angenehme Kühle bringende Bergwind setzt ein und lässt mich in meinen Schlafsack kriechen. Die Trauer um die sterbenden Gletscher, die Wut über diese Welt, die Ergriffenheit der überwältigenden Schönheit; all das verbindet sich im Einsinken in die Nacht. Kurz vor dem Wegnicken schaue ich nochmals hoch zu der rosa, bläulich, weiss schimmernden Schönheit. Ist das ein Hauch von Trost, die der sterbende Riese mir in den Schlaf schickt?
Plötzlich ein lauter Knall. Direkt neben meinem rechten Ohr. Mein Tinnitus, verursacht durch ein Knalltrauma in meiner Zeit bei der Armee, heult auf und füllt meinen ganzen Kopf mit einem Pfeifen. Rechts von mir, etwas weiter den Hang runter höre ich Männerstimmen. Ich will hinschauen kann meine Augen aber nicht öffnen. Ich will mich aufrichten und wütend meinen Unmut für diese Störung kundtun, bin aber wie gelähmt. Mit der Kraft meiner Finger öffne ich die Augen und sehe wie die Männer etwas vergraben. Oder graben sie etwas aus? Es sieht auf alle Fälle geheim und verboten aus. Als sie mit der Arbeit fertig sind, schultern sie ihr Werkzeug und kommen auf mich zu. Ich bekomme Angst, mache mich ganz klein und flach, halte den Atem an…
Dann wache ich auf. Ich ringe nach Luft und versuche heraus zu finden, ob und was von dieser Geschichte Traum oder Realität war. Langsam setze ich mich auf, beruhige mich, schaue hoch zu den Gletschern und lege mich wieder hin.
Ein alter Steinbock
Mit der ersten Morgendämmerung wache ich auf. Schon mein erster Blick, der mir erklärt wo ich bin, flösst mir ein Gefühl einer tiefen friedvollen Zufriedenheit ein. Die Bilder des nächtlichen Traumes steigen hoch und ich nehme mir vor, dieser Geschichte bei Gelegenheit nachzugehen. Von Osten her schimmert mir das kraftvolle Morgenlicht entgegen und ich beschliesse Kaffee zu kochen. 10 min später sitze ich auf der Matte, schlürfe Kaffee und plötzlich tauchen zwei Hörner auf.
Der Steinbock ist alt, wahrscheinlich sehr alt und er ist verletzt. Wir schauen uns kurz an und dann humpelt er auf drei Beinen den Berg hoch.
Gemeinsam mit der aufgehenden Sonne packe ich ruhig meine Sachen zusammen und steige ab. Ganz langsam, Schritt für Schritt. Mein Gefühlscontainer, ein passenderes Wort kommt mir nicht in den Sinn, hat sich geweitet. Die Schönheit des Ortes, die duftende warme Brise und das Singen der jetzt neugierig auftauchenden Bergdohlen, erfreuen mein Herz und diesen Bergraum.
Wo einmal Eis war
Nun rufen die Wasser und ich entscheide mich ins Sustenbrüggli zu gehen. Das kleine Seitental auf der Urnerseite des Sustenpasses, kenne ich aus meinen Jugendjahren. Sobald im Juni die Passtrasse geöffnet wurde, fuhren wir hoch und absolvierten auf der Zunge des Sustlifirns und dem Restschnee des Winters unser Langlauftraining. An schönen Juni-Sonntagen waren wir bis zu 50 Menschen die auf dem Sommerschnee mit unseren schmalen Latten in weiten Bögen das Schneefeld hoch liefen, um dann im Stemmbogen wir runter zu fahren und erneut hoch zu laufen.
Das war Mitte der 80er Jahre. Vor einigen Jahren, also fast 40 Jahre später, entschied ich mich dieses kleine Tal wieder zu besuchen. Es war Hochsommer und ich wusste natürlich, dass ich dort ein anderes Bild antreffen würde als damals. Was mir dort geschehen ist, ist umso erstaunlicher. Ich wanderte also gemütlich die 20 Minuten ins Tal hinein.
Mit einem Schrei des Entsetzens sah ich, dass weit und breit kein Gletscher und kein Schnee zu sehen war. Der Schrei verwandelte sich in ein schluchzendes Weinen und mein Körper sank zu Boden. Ich kniete am Boden und trauerte um die Gletscher.
Bitte an die Gletscher
Seit Jahrtausenden leben Menschen in unseren Breitengraden am Rand der Gletscher. Generationen um Generationen sehen sie das Eis kommen und gehen. Ihre Lebensräume sind vom Gletscher geprägt, ja sogar gestaltet. Die Menschen und Tiere hören und sehen das Wasser aus ihm fliessen und sie suchen Wege durch eine Landschaft, die niemals stillsteht.
Während der kleinen Eiszeit die bis um das Jahr 1850 dauerte, rückten die Gletscher bis weit in die Täler vor und bedrohten die Weiden auf den Alpen und sogar die Bergdörfer. In Fiesch im Wallis zogen die katholischen Bewohner in Prozessionen zu den Gletschern und baten darum, die Gletscher mögen zurückweichen. 50 Jahre später um 1900 kamen die Reisenden, allen voran die Engländer. In Gletschernähe wurden grosse Hotels gebaut und der Gletscherrand wurde zum Sehnsuchtsort. Das ewige Eis wurde bestaunt und bestiegen.
Heute hat sich die Beziehung zu den weissen Wesen wieder verwandelt. In Fiesch ziehen die Menschen immer noch am 31. Juli in einer Prozession hinauf. Doch heute bitten sie nicht darum, dass die Gletscher weichen, sondern darum, dass sie bleiben mögen. «Religion ist Innovation», sagen sie.
https://www.srf.ch/news/dialog/gletscherschwund-prozession-in-fiesch-vom-anti-gletscher-ritual-zum-klimaschutz?utm_source=chatgpt.com
Der 31. Juli ist übrigens der Tag des Heiligen Ignatius. Ignatius war Soldat und eine schwere Verwundung beendete sein bisheriges Leben und wurde zum Ausgangspunkt zu einer tiefgreifenden Wandlung. Aus dem Soldaten wurde ein Pilger der sich aufmachte, den Bewegungen zwischen sich und der Welt auf die Spur zu kommen. An der Geschichte mit dem Gletscher, dem Traum, dem Knalltrauma, dem Steinbock und dem Tinnitus hätte er sicher Freude gehabt ;-).
Vom Eis zum Wasser
Ich spaziere entlang der sprudelnden Wasser und all diese Erinnerungen begleiten mich. Ich bleibe immer wieder stehen um zu schauen, wahrzunehmen, zu erinnern. Zwei alte Menschen die sich ganz langsam mit Stöcken vorwärtsbewegen und eine Familie mit einem kleinen Kind, das vor kurzem das Gehen gelernt hat, sind auch unterwegs.
Hinten im Tal auf der Schattenseite entdecke ich die letzten zwei kleinen Schneefelder dieses Sommers. Ich bringe eine Blume hin, grüsse sie und setze mich zu ihnen hin. Der Schnee, das Eis verwandelt sich in Wasser. Tropfen um Tropfen und die Reise ins Tal, in den unendlichen Kreislauf beginnt und geht weiter. Ganz zuhinterst sprudelt das Wasser mit lautem Rauschen und Plätschern über die Felsplatten. Auch diese Wasser besuche ich und ich freue mich über diese belebende Schönheit!
Ich sitze da, schaue und lausche. Trauer, Freude, Wut, Schönheit, Vergänglichkeit, Lebendigkeit das alles hat Platz. Hier in diesem kleinen Tal und in meinem Bauch.
Der Gletscher vergeht
Wandelt Tropfen um Tropfen
Mit der Schwerkraft ins Tal
Ich stehe auf und gehe mit

Autor: Christian Mulle
Ist ökosystemischer Begleiter und lebt am Thunersee. Den von den Bergen umringten Seen und den sprudelnden Bächen bleibt er treu.
Fotos, Video: Christian Mulle

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