Für alle war Schatten da
Parade der UHPA (United Holobiontic Protection Alliance)
von der Isar zum innerstädtischen Nereïden-Brunnen¹
– ein Projekt von Judith Egger / PUBLIC ART
München
Was ist ein »Holobiont«? Der Mensch ist z.B. einer, denn er ist ein Wesen, das mit anderen Arten wie Bakterien und Viren, seinem Mikrobiom, in Symbiose zusammen lebt. Der Begriff steht für das Netz des Lebens, das sich durch Verbundenheit auszeichnet.
Der „Große ungeordnete Aufmarsch der Holobionten“ hat stattgefunden! An einem Samstag Vormittag Ende Juli, als angemeldete Demo begleitet von der Polizei, bei schönstem Sommerwetter:
Holobiontenaufmarsch © Gabriela Neeb
Vom Vater-Rhein-Brunnen gegenüber vom Deutschen Museum in München über
den Wehrsteg bei der Isar – daraus wurde Wasser für die Segnungen geschöpft – zur
Edelmeile Maximilianstraße (großer Radau!),
Durch die Maximilianstraße, vorneweg mit Megaphon: Judith Egger als Küchenschabe © Gabriela Neeb
von dort auf die Wiese hinter dem Marstall
Baumsegnungen und Räucherung auf der Brache, sog. Wittelsbacher Wiese hinter dem Marstall © Jochen Splett
– dort der erste Stopp mit Segnungen, Pflanzengaben und Räucherungen.
Weiter an der Staatskanzlei vorbei zur sogenannten Statue Harmlos ², dort gab es
einen längeren Stopp mit Tanzeinlagen, Musik, Pause machen. Es war in der Hitze
für alle Schatten da, den die zwei Bäume dort großzügig auswarfen.
Für alle war Schatten da unter zwei großen Bäumen © Gabriela Neeb
Die Wertschätzung der Grünflächen war ein Aspekt der Parade, demonstriert wurde
für die Gleichberechtigung der menschlichen und nicht-menschlichen Lebewesen.
Es geht um einen Perspektivwechsel, das Einstehen für ein anderes Miteinander, das
Erkennen des aufeinander Angewiesenseins und Verbundenseins, und auch für die
Verbundenheit unter den Gleichgesinnten, als Stärkung; in Zeiten von Vereinzelung
und Hassrede ist es wichtig, sich auf das Positive zu fokussieren und
zusammenzustehen.
Das ist gelungen, wir waren viele! Und wir haben uns miteinander verbunden.
Zitat zuschauerstimme
„Der Holobionten Aufmarsch war so großartig und hat in seinen Momenten
insbesondere am Hofgarten mich sogar in Trance versetzt. Und alle verbunden. Das
waren große Momente des Glücks und der Zufriedenheit und dem Einssein mit
allem.“
Um die vierzig Holobionten als Palmenartige, Birkige, Aggrokartoffelige,
Masernpilzige, Nacktmullige, Bast-Jute-Ungetümliche, Kämpfende, Quallenartige,
Dinosaurige, Vermittlerinnen in gelben Overalls, und viele andere mehr, um die
fünfzig Teilnehmer:innen waren insgesamt unterwegs, mit holobiontischem
Pannenservice, Krankenschwester, Doku-Team, angeführt von der Küchenschabe
(Judith Egger), dazu kamen die sich spontan anschliessenden Passant- und
Sympathisant:innen.
Wir brauchen Dinge, die uns berühren, wie Kunst, Musik, Festivals, soziale
Aktionen, aber auch «Karneval»,… Bayo Akomolafé
Der Zug wandelte weiter durch die Galeriestraße am Klimagarten vorbei, gelegen
neben dem Ministerium für Landwirtschaft, wo die Holobionten wie eine Herde
Schafe eindrangen, sich den Pflanzen näherten und sie würdigten.
Zum Abschluss versammelten sich alle um den Nereïden-Brunnen im
Maximilianspark – das Wasser bildete so den Rahmen der Parade.
Die Nereïden stehen sinnbildlich für „viele“ und der Brunnen ist einem Komponisten
Neuer Musik gewidmet. Begleitet wurde das besinnliche und vielgestaltige
Schlussbild von den sphärischen Tönen des Duos Steffi und Klaus – ein
Andachtsmoment – dem Geschehen gedenkend, das miteinander Dasein und
Schwingen geniessend.
Abschluss am Nereïdenbrunnen © Gabriela Neeb
Offiziell beendet erst die Schabe die Demonstration mit einer ihrer Ansprachen auf
Schabisch, dann Judith Egger in zivil für die Polizistinnen und Polizisten, die den Zug
begleitet hatten, die umgehend verschwinden, nachdem ihnen öffentlich gedankt
wurde.
Ein denkwürdiges Ereignis, das ich vor allem als Hüterin der Grünanlagen und
pflanzlichen Lebewesen feierte, sie als lebendiges Gegenüber wahrnehmend.
Ein Holobiont bei Spontansegnungen der Pflanzen… © Jochen Splett
Durch die Ganzkörperkostüme mit mehr oder weniger Sichtschlitzen hatte jede/r Holobiont eine ganz eigene Perspektive auf das Ganze – zum Beispiel die Qualle
(Text von Sabina Fischer):

„Als ich sie zum ersten Mal tanzen sehe,
bin ich begeistert. Sie tanzt mit einem Bach,
von Bäumen umgeben – zauberhaft, leicht –
im Spiel mit den Sonnenstrahlen, die auf
dem Wasser funkeln.
Ganz leise klingt sie mit. Sie bewegt sich am
Ufer, taucht ein, dreht sich sanft – kein vorne,
kein hinten. Ich möchte sie unbedingt
kennenlernen. Die Qualle.
Und, ich habe Glück, denn sie sucht noch
einen Menschen, der sich mit ihr in eine
Verkörperung wagt am großen ungeordneten
Aufmarsch der Holobionten in München.
Sofort melde ich mich.
Ein paar Tage später, auf einer von der Isar umspülten Insel unter einem Baum, soll die
Anverwandlung stattfinden. Ich bin aufgeregt, freue mich und fühle mich ein
bisschen wie beim ersten Date. Judith stellt sie mir vor: Ein Regenschirm, ein Laken,
Klangstäbe, ein paar Löcher zum Rausschauen. Ich schlüpfe hinein und bin sofort zu
Hause. Und finde mich wieder in einer einigermaßen absurden Szene: Reiche einem
Polizisten durch eines der Quallenaugen meinen Ausweis, damit er mich als Mensch
identifizieren kann. Geschehnisse am Übergang. Dann tauche ich ein, werde
unsichtbar sichtbar. Werde schattig, ruhig und fluid, klingende Bewegung, langsam,
langsam, das holobiontische Geschehen weit entfernt und gleichzeitig nah. Radial.
Symmetrisch. Dann auf einmal Wasser und riesige Fische – Regenbogenforellen.
Fotos Qualle: Sabina Fischer
Einen kurzen Moment dort verweilen. Atmen. Ein und aus, ein und aus. Mit den
Forellen im Wasser stehen. Ruhen. Dann weiter. Andere Räume. Elementare
Entfremdung. Harte Böden. Absätze und Bordsteinkanten. Hitze, die hochsteigt.
Weiter oben bewegt ein Wind, klingt es von allen Seiten. Kein vorne, kein hinten.
Hüpfen kommt auf und damit ein Gurren. Ein Gruß. Und da! eine Antwort. Ein
Mädchen an der Hand ihrer Mutter. Begegnet, bewegt, erwidert. Freude. Plötzlich
Bewegung, ein Rollen, Angry Potatoe schiesst vorbei. Auf einem Skateboard.
Schlängelt sich elegant durch das klingende, schwingende, raschelnde und
summende holobiontische Treiben. Reiht sich wieder ein. Dort wartet eine Oase.
Kühles Grün. Lange Halme. Schmeichelnd. Zusammen finden. Am Baum. Stamm.
Ruhen. Summen. Tanzen. Wasser und ein Proteinriegel werden durchs Quallenauge
gereicht und sofort spielt sich die Szene mit dem Ausweis ein. Die Polizisten. Dort
drüben stehen sie. Erklärend, übersetzend. Erfahre ich später, nach dem Queren
großer Gebiete aus Asphalt, dem zur Ruhe kommen an einer schattigen Quelle, der
Entkörperung, Resozialisierung und Wiederanbindung an den mensch-sprachlichen
Raum. Unglaubliche Geschichten erreichen mich: von interspezifischen
Begegnungen, Manifestationen der anderen Art, von dokumentarischen
Obsessionen. War ich wirklich Teil dieses Geschehens? Ja, bestätigen mir meine
Gegenüber. Ich staune und versuche mein menschliches Bewußtsein zu dehnen.
Und da klingt er leise an, der Wahrnehmungsraum, der für zwei Stunden mein zu
Hause war: Ruhig, fließend, langsam. Kein vorne, kein hinten. Radialsymmetrisch.“
Auszug Zitat Teilnehmerin
Die Holobionten-Parade war ein friedliches, bild- und klangreiches, kreatives und
humorvolles Kunstprojekt, das uns zusammengebracht, inspiriert und bestärkt hat.
Ganz in diesem Sinne für die Schönheit der Existenz und die Kraft einer positiven
Kreativität!
Und das war erst der Anfang… !
Voraus gingen etliche Treffen zur Vorbereitung des
Aufmarsches bei Judith Egger, die die meisten der Kostüme entworfen und gebaut
hat, und wir wollen ja weiter in Verbindung bleiben in der United Holobiontic
Protection Alliance.
Mehr Information zum Projekt: https://www.judithegger.de/einzelansicht/grosser-ungeordneter-aufmarsch-der-holobionten
¹ Karl-Amadeus-Hartmann- oder Nereïden-Brunnen. Die Töchter des griechischen Meeresgottes
Nereus räkeln sich im Brunnenbecken auf dem Rücken schwimmend in der Sonne. Mit Doris, einer
Tochter der Titanen Okeanos und Tethys, wurde Nereus Vater der 50 Nereïden, diese Zahl steht
sinnbildlich für „viele“. In den griechischen Mythen sind sie Nymphen, die Schiffbrüchige beschützen
oder heimwehkranke Seeleute mit Spielen unterhalten. Karl Amadeus Hartmann (1905 – 1963) war ein
in München lebender und wirkender Komponist „Neuer Musik“.
Quelle: https://www.muenchenwiki.de/wiki/Karl-Amadeus-Hartmann-Brunnen
² Der „Harmlos“ ist eine Marmorskulptur von Franz Jakob Schwanthaler. Sie stellt Antinoos dar, einen griechischen Jüngling, seine linke Hand ruht auf einer Tafel, die Inschrift lautet:
„HARMLOS.
WANDELT HIER.
DANN KEHRET.
NEU GESTÄRKT.
ZU JEDER.
PFLICHT ZURÜCK.“


Autorinnen: Beate Zeller (www.beatezeller.de) und Sabina Fischer (www.sabinafischer.ch), Mitglieder des NaturDialogNetzwerks und Teilnehmerinnen des „Großen ungeordneten Aufmarsches der Holobionten“ am 25.7.2026 durch die Münchner Innenstadt.
Titelbild: Start des Aufmarschs hinter dem Vater-Rhein-Brunnen © Gabriela Neeb

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