dichte Tage – rauhe Nächte #3
Siesta
Hans-Peter Hufenus
Rauhnächte – stille Tage, an denen die Türen zur Anderswelt offen sind. Seltsames erscheint uns im Halbschlaf. Magie des besinnlichen Schauens. Wir blicken auf Gewesenes und in ein mögliches Morgen.
Allerdings sieht der Alltag für die meisten anders aus: auf das Klimpern der weihnächtlichen Einkaufskassen folgt das Rattern der Skilifte. Oder das Dröhnen der Triebwerke des Flugzeuges, das uns in weniger rauhe Weltengegenden trägt.
Was im Winter die Rauhnächte, sind im Sommer die Hundstage. Jene heissen Zeiten, die man am liebsten schlafend im mediterranen Halbschatten verbringen würde. Die Spanier machen es uns vor – sie nennen ihre lange Mittagspause in den Sommermonaten Siesta.
Die Kultur der Siesta gehört aber nicht nur den Spaniern, wie die Ethnologin Gabriele Herzog beim Tagesablauf der Yanomami im Brasilianischen Urwald beobachtet hat: „Aufwachen bei Sonnenaufgang, Holz auflegen, Feuer schüren, Essen kochen, Tabak kauen, ein bis zwei Stunden Gartenarbeit oder Jagd, mittags essen. Danach Dösen oder leise Unterhaltung. Später am Nachmittag schamanische Sitzungen und Behandlungen, frühabends Holz sammeln, ums Feuer sitzen, schlafen“.
Das klingt ganz nach Ferien, entspricht aber ganz dem menschlichen Alltagswesen. Wenn wir den zirkadianen Rhythmus, also unsere jeweiligen hormongesteuerten Körperzustände im Tagesverlauf mit dem Lebensrhythmus dieser Indigenen vergleichen, stellen wir nämlich eine überraschende Übereinstimmung fest. Der gelebte Alltagsrhythmus der Sapiens ist heute allerdings ein anderer, wie dieses Graffiti in einer brasilianischen Grosstadt zeigt: „Dein Tag hat 24 Stunden: 6 Stunden Pendeln, 8 Stunden arbeiten, 3 Stunden Fernsehen, 1 Stunde Freizeit, 6 Stunden schlafen“.

Der Unzufriedenheit, welches dieses Graffiti zum Ausdruck bringen will, haben die Autoren vom „Tagebuch der Menschheit“ einen Namen gegeben. Sie nennen die Diskrepanz zwischen dem genetisch Festgelegten und dem heute Gelebten „Mismatch“ und meinen, dass wir uns in eine Welt gestellt sehen, für die wir nicht geschaffen seien.
So wie die sommerlichen Hundstage ihr Pendant in den winterlichen Rauhnächten haben, hat die Siesta ein nächtliches Pendent, sie sogenannte Wolfsstunde. Sie dauert in der Nacht von drei bis vier Uhr und wird von vielen als eine Schlafstörung angesehen. Man weiss, dass die Menschen in früheren Jahrhunderten einfach aufgestanden und einer Arbeit im Haus nachgegangen sind. Kultiviert wird dieser Akt heute noch in den Klöstern, wo Mönche und Klosterfrauen nachts für das Vigil genannte Gebet aufstehen.
Im ökosystemischen Ansatz nützen wir vereinzelt das Konzept der Siesta als methodisches Element, an die Wolfsstunde haben wir bis anhin noch nicht gewagt.

Autor: Hans-Peter Hufenus
Als Phänomeniker und psychologischer Archäologe gilt meine Welten-Verbundenheit nicht nur den Menschen, sondern auch anderen Lebendigkeiten wie den Naturelementen und den anzestralen Kräften.
Fotos: Hans-Peter Hufenus

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So schön, dass diese Zeit nun einen Namen hat! Vielleicht war es auch die Zeit, wo die Sapiens die Wölfe und andere Mitbewohner da draussen “sprechen” hörten? Ich gehe in diesen Wachphasen oft kurz auf den Balkon, zu den Sternen schauen. Ich werde nun bewusster lauschen, wer und was da spricht!
Schön, danke für die Erklärung der Wolfsstunde!! Diese nächtliche Zeit kenne ich gut – da kommen meine Dämonen hervor – ich schaue mal, wie ich in den nächsten Nächten damit umgehen kann;-)