dichte Tage – rauhe Nächte #18
Bilder in Blau
Astrid Habiba Kreszmeier
1 Blaulicht
Geruch von verbranntem Fleisch
weht von den Bergen her
Danach welch laute Stille
Eiskristalle kriechen in Stuben
und erschreckte Herzen
Danach welch voller Mond
Ein Meer aus Kerzen
wogt wild doch tröstend
Danach welch vage Hoffnung
2 Blauer Tod
Ob es die ersten Höhlenbeiträge, die ausgedehnten Nebelblaustunden, die Zaubereien von Erinnerung oder ein verschlungenes Miteinander mit noch ganz anderem war, weiss ich nicht.
Aber es ist der “Blue Death” aufgetaucht.
Und überhaupt Blau und ein Erstaunen darüber, was blau alles sein kann.
Da kommt etwas “out of the blue”. Mann, auch Frau, viele können blaumachen oder jemandem das Blaue vom Himmel erzählen, dann ins Blaue fahren, damit sie keinen Blues bekommen, zu viel trinken und dann komplett blau herumtorkeln, knapp mit einem blauen Auge davonkommen und sich dann doch grün und blau ärgern.
Früher gab es auch Blaupausen, mit denen Flugblätter vervielfältigt wurden. Lange her.
Vielleicht ist das Blau deshalb so zahlreich, weil unsere Erde ein blauer Planet, eine wunderbare blaue Murmel ist? (Bestimmt fallen dir auch noch andere Blaugeschichten ein!)
Zurück zum Blauen Tod, den ich in meinen jungen Erwachsenenjahren erlebt und überlebt habe. Nein, es war nicht die Cholera, die auch als Blauer Tod bezeichnet wird und nicht ein Sterben durch den Abbau von Blauasbest. (Auch nicht einer in einer Silvesternacht in einer Bar.)
Der Blaue Tod oder Blue Death, von dem ich spreche, war eine spirituelle Praxis in den späten Achtzigerjahren. Im Zentrum stand ein dreitägiger Rückzug in eine Höhle. “Sterbe, bevor du stirbst” war das Credo, inspiriert von Mystik verschiedener Religionen. Die Menschen, die sich dieser Erfahrung unterzogen, haben Abschiedsbriefe und Nachlässe geschrieben, haben gefastet, meditiert, getanzt.
Sie kamen, um neu geboren zu werden.
Nach schweren Krankheiten, grossen Verlusten und manchmal auch einfach um zu leben, einen neuen Anfang zu machen.
Es war eine massive Intervention, verrückt nahezu, für viele hilfreich, für andere enttäuschend.
Ich möchte sie nicht missen, sie hat mir die Begegnung mit einer liebenden, blau gekleideten Frau geschenkt, sie begleitet mich noch heute.
Woran ich in diesen Tagen zwischen den Jahren erinnert wurde, ist aber nicht meine eigene Höhlenzeit, sondern die Tage des Hütens am Eingang einer kleinen Höhle in den mediterranen Hängen der kleinen Insel Formentera. Vier Menschen lagen dort drinnen, ein kühler Hauch strömte fortwährend aus dem Höhlenbauch, zog über den Vorsprung, der grad Sitz- oder Liegeplatz für einen Menschen bot. Das war mein Ort des Seins; durch die gewundenen und duftenden Wacholder- und Rosmarinbaumbüsche hindurch, tanzte das Meer in diesen Tagen freundlich, sanft.
Ob der kühle Luftzug mitgespielt hat, oder die Träume oder Ängste der Suchenden oder meine eigenen, ob es der Stoffwechsel der Klippe war oder ein starkes Zeichen der trocken heissen Erde? Niemand weiss, woher das Fieber kam, so schnell und stark, hielt es mich dort, schwitzend, geschüttelt, ergriffen, aufgerissen. Mein Versuch mich dem Felsen entlangzubewegen, um die Menschen, die im Basishaus blieben, um einen Schichtwechsel zu bitten, war lächerlich. Schwer, schwach, auch nicht auf allen Vieren war Fortkommen möglich.
So blieb ich eingerollt am Höhlenvorsprung, zitternd, ohnmächtig, hadernd.
Alles, was ich hätte tun können, sollen, wollen, war es hier und jetzt zu spät. Jetzt galt es da zu sein, warten, durchhalten, hoffen, ja hoffen, dass niemand mich braucht, unbrauchbar wie ich war – in diesem Zustand.
Fragt mich nicht, wie es denn kam, dass langsam die Empörung und der Widerstand einer Hingabe, ja Zustimmung gewichen ist. Fragt nicht, wann Zurufe aus den Zwischenwelten meine Zellen mit einem Satz füllten.
Wenn das mein Schicksal ist, dann stimme ich ihm zu.
Wenn das mein Schicksal ist, dann stimme ich ihm zu.
Fragt nicht, wann ich eingeschlafen bin.
Aufgewacht bin ich mit einem Kollegen an meiner Seite. Schichtwechsel.
Das Blau dieser Rauhnächte hat mir diese Erinnerungen und weitere Fragen zugespielt. Unerwartet, ungerufen aber nicht ungeliebt.
Ist Schicksal gegeben oder gibt es Schicksal gar nicht?
Falls doch, gibt es die Pflicht, Schicksal abzulehnen? Lässt es sich abwenden?
Kann Zustimmung Not wenden?
3 Blaue Wunder
“Nur mit der Ruhe”, sagt der Fels
und legt mir sanft den Arm um die Schulter
während Flechten meine Handflächen kitzeln.
“Sie werden ein blaues Wunder erleben”, singt das Meer
umspült zärtlich meine Beine
und lässt den Sand tausendglitzernd wirbeln.
“Lasst sie tief begreifen”, sagt der Baum
und reicht einen wiegenden Ast zum gemeinsamen Tanz
des Erinnerns.

Autorin: Astrid Habiba Kreszmeier
Ökosystemische Psychotherapeutin, Lehrsupervisorin, Diplompädagogin
Begeisterte Anstifterin in Sachen Weltenliebe.
Fotos: Riki Fink

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Liebe Habiba,
eigentlich sollte ich nichts schreiben, denn Deine Zeile hinterlassen mich in einer so schönen stillen und klaren Weite, dass jedes Wort die Welt nur wieder enger macht. Meine Gedanken haben sich im 1 Blaulicht verfangen, mein Körper möchte ins 3 Blaue Wunder ein- und untertauchen, mich anlehnen und mitfühlen mit allen Sinnen. Der 2 Blaue Tod verwickelt meine Spiegelneuronen und mich emotional und freut sich über den Halt der Schicksalsfragen.
“Am Himmel die Flüsse.” von Elif Shafk ist mir noch eingefallen beim Lesen Deiner Trilogie. Sie kann auch so wunderbar dichte Weiten öffnen; frau muss jederzeit damit rechnen, dass sich plötzlich der Blick über das Meer auftut.
Danke!
Liebe Konstanze, danke für deinen Response! Wie schön können wir in vielerlei Geschichten verflochten sein, einander Zurufen in spielerischen und existenziellen Situationen!