dichte Tage – rauhe Nächte #9
Gewählte Familie
Annina Louise Krüttli
Ich schreibe, 13 Dinge, die ich mir wünsche, auf Zettel. Noch nie habe ich diesen Brauch begangen, doch nun liegt vor mir ein kleines Büchlein, Geschenk meiner Schwester. Darin eine Anleitung, ich befolge. Anzünden heisst es. Die gefalteten Zettel. Jeden Tag einen. Bis zum 6. Januar, dann bleibt ein 13. übrig, den nicht anzünden. Für den bin ich selbst verantwortlich.
Ich mache es falsch. Lese die willkürlich gezogenen Zettel vor dem Verbrennen. Schreibe meine Gedanken nieder, nehme meine Notizen das ganze Jahr über, Monat für Monat, hervor. Beobachte. Reflektiere. Staune. Wie jedes der 13 Themen im sich entwickelnden Jahr auftaucht, sich wandelt.
Schon sind sie wieder da, die Raunächte. Zeitgleich mit Weihnachten, Fest der Liebe. Der Familie. So häufig auch der (enttäuschten) Erwartungen. Der Einsamkeit. Ich bin im Zwiespalt. Fühle verschiedene Erinnerungen, verschiedene Ebenen. Ein subtiler Widerstand, eine Zurückhaltung gegenüber den vielen Verpflichtungen. Aber auch eine leise Zuversicht, mit mir in Harmonie zu treten.
Und, überraschend, Vorfreude. Einer der Zettel enthielt etwas von zugehörig fühlen und gewählter Familie. Ich versuche mich zurückzuerinnern, ich fühlte mich verloren, allein. Da schien niemand zu sein in meinem Umfeld, die biologische Familie weit weg, alte Freunde zurückgelassen, meine wenigen engen Bezugspersonen verstreut.
Ich wünschte mir Nähe. Spontan zusammen kochen. Einander unterstützen. Wissen wollen, was heute passiert ist, und die Antwort einordnen können. Für einander da sein. Menschen, die Umstände bereiten. Zu unüblichen Zeiten anrufen. Meinen Plan durcheinander bringen. Mich aus meinen Gedanken herausreissen, weil ich noch nicht zu Mittag gegessen habe. Mit mir hinsitzen, weil ich nicht weiter weiss. Meine Ansicht hören wollen, bevor ich sie perfekt zu Ende gedacht habe. Und bei alledem nicht auf die Idee kommen, sie könnten mir auf die Nerven gehen.
Gewählte Familie. Ein enges soziale Netz, wo man gemeinsam stärker ist. Sogar als die Summe der Einzelteile. Ich wollte den glauben daran nicht aufgeben, also schrieb ich den Zettel.
Ein Jahr später, Vorfreude. So vieles hat sich geändert, so vieles ist entstanden. Der innere Widerstand, die Zurückhaltung gegenüber den Verpflichtungen, sind blasse Erinnerungen. Stattdessen neue Verpflichtungen, widerstandslose. Der Schwester gegenüber. Der Mitbewohnerin. Dem Freundeskreis. An diesem neuen Ort, an dem ich den Zettel damals schrieb, da habe ich – haben wir – im Verlauf dieses Jahres – etwas aufgebaut.
Eine gewählte Familie.


Autorin: Annina Louise Krüttli
lebt – noch nicht so lange – in Chur. Da wo die Täler sich vereinen und seit jeher Menschen aus allen Richtungen zusammenbringen, hat sie nun Zugehörigkeit gefunden.
Fotos: Annina Louise Krüttli

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